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Bild: © Lou Goetzmann / Aqua Viva

Jeder Bach zählt: Kleinwasserkraftwerke zerstörten unsere Bäche und Flüsse

Kleinwasserkraftwerke tragen kaum zur Energieversorgung bei, sind wirtschaftlich ineffizient und eine Hauptursache für das Aussterben ökologisch und kulturell bedeutender Fischarten wie Lachs, Stör oder Meerforelle. Wissenschaftler:innen aus dem In- und Ausland fordern daher einen Förderstopp für neue Kleinwasserkraftwerke und den Rückbau bestehender Anlagen. 


«Jeder Franken der heute in den Bau oder den Betrieb von Kleinwasserkraftwerken fliesst, gefährdet nicht nur die Artenvielfalt, sondern fehlt uns auf dem Weg zu einer sicheren und zukunftsfähigen Energieversorgung.»

Salome Steiner, Geschäftsleiterin Aqua Viva

Ineffizient, teuer, biodiversitätsschädigend

Aktuell gibt es in der Schweiz rund 1400 Kleinwasserkraftwerke (<10 MW). Zusammengerechnet tragen sie rund 6,5 Prozent zur Stromproduktion bei. Nur wenige dieser Anlagen kommen jedoch überhaupt in die Nähe der Obergrenze von 10 MW. Rund 900 Anlagen verfügen lediglich über eine installierte Leistung von weniger als 300 kW. Ihr Beitrag zur Energiewende ist marginal und beträgt weniger als 0,5 Prozent der jährlichen Stromproduktion in der Schweiz.

Umgekehrt verursachen Kleinwasserkraftwerke einen enormen ökologischen Schaden. Jedes Wasserkraftwerk behindert Fische bei der Wanderung zu ihren Laichplätzen oder zur Nahrungssuche. Oft sind die Hindernisse unüberwindbar oder die Fische erleiden tödliche Verletzungen. Mit Ausnahme des Aals sind in der Schweiz bereits alle Arten ausgestorben, die über grössere Distanzen wandern – beispielsweise der Lachs, Stör oder die Meerforelle. Aber auch standorttreue Fischarten leiden: Die künstlichen Barrieren führen zur genetischen Isolation und schwächen somit langfristig die Bestände. Das gilt neben den Fischen auch für alle anderen Bachbewohner.

Aqua Viva fordert einen Förderstopp und den Rückbau der besonders schädlichen Kleinstwasserkraftwerke.

Die wichtigsten Fakten zur Kleinwasserkraft im Überblick: 

Vor allem Kleinstwasserkraftwerke

Mit dem  Begriff «Kleinwasserkraftwerke» werden vor allem  die für die Energieproduktion irrelevanten Kleinstwasserkraftwerke zusammengefasst.

Als Kleinwasserkraftwerke werden in der Schweiz Anlagen  mit einer Leistung von weniger als 10 MW bezeichnet. Dies trifft auf rund 1400 der insgesamt 1582 Wasserkraftwerke der Schweiz zu (BFE 2022a). Nur wenige Anlagen kommen jedoch überhaupt in die Reichweite der genannten Obergrenze von 10 MW. Die allermeisten Anlagen liegen bei unter 1 MW Leistung. 900 Anlagen verfügen sogar nur über eine installierte Leistung von weniger als 300 kW (BFE 2019a) – solche Anlagen werden eigentlich als Kleinstwasserkraftwerke bezeichnet. Sie produzieren weniger als ein Prozent des Schweizer Wasserkraftstroms (BFE 2019a & BFE).

Kein relevanter Beitrag zur Stromproduktion

Die Kleinwasserkraft leistet keinen relevanten Beitrag zur Stromproduktion der Schweiz.

Eine Kleinwasserkraftanlage ist im Durchschnittlich für rund 0,005 Prozent der Schweizerischen Stromproduktion verantwortlich. Zusammengerechnet produzieren die rund 1400 Anlagen 4100 GWh Strom pro Jahr (BFE 2022a). Betrachtet man nur die 900 Kleinstwasserkraftwerke kommt man zusammengerechnet sogar lediglich auf rund 300 GWh pro Jahr (BFE 2019a). 57 Prozent (Kleinstwasserkraft) aller Schweizer Wasserkraftanlagen leisten somit einen Beitrag zur Stromproduktion von rund 0,5 Prozent. Die Grosswasserkraft (>10 MW) produziert mit knapp 200 Anlagen hingegen circa 33 000 GWh Strom pro Jahr. Dies entspricht rund 90 Prozent der gesamten schweizerischen Wasserkraftproduktion (BFE 2022b).

Geringer Nutzen bei maximalem Schaden

Ein grosses Kraftwerk beeinträchtigt die Biodiversität weniger stark als viele kleine Wasserkraftwerke mit aufsummiert derselben Leistung.

Fehlendes Restwasser, ein gestörter Geschiebehaushalt und unüberwindbare Wanderhindernisse für unsere Fische: Jedes Wasserkraftwerk beeinträchtigt die Gewässerökologie. Der Schaden ist dabei unabhängig von der produzierten Strommenge. Die Artenvielfalt leidet somit durch die Klein- und Kleinstwasserkraft verhältnismässig stärker als durch Grosswasserkraftwerke (Kelly-Richards et al. 2017). Bereits heute gelten 79 Prozent der Fische und Rundmäuler (BAFU 2023) sowie 60 Prozent der Eintages-, Stein- und Köcherfliegen (BAFU 2012) als gefährdet oder bereits ausgestorben.

Ohne Rücksicht auf die letzten Gewässeroasen

Im Fokus der Kleinwasserkraft liegen die letzten unberührten Gewässerabschnitte der Schweiz.

Auch aufgrund der intensiven Wasserkraftnutzung gelten weniger als fünf Prozent des Schweizer Gewässernetzes als vollständig intakt (WWF 2016). Seit 2006 wurden dennoch 364 Wasserkraftanlagen neu in Betrieb genommen – darunter 332 Kleinstwasserkraftwerke (Wasser-Agenda 21 2022). Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 hat 248 dieser Standorte genauer unter die Lupe genommen (Vollenweider, Müller 2017): Knapp drei Viertel liegen in einer natürlichen, naturnahen oder wenig beeinträchtigten Gewässerstrecke, knapp ein Viertel sogar in geschützten Gebieten.

Gegen besseres Wissen

Wissenschaftler:innen haben die schädliche Wirkung und fehlende Effizienz der Kleinwasserkraft längst erkannt und warnen vor einer weiteren Förderung.

In einem Memorandum aus dem Jahr 2021 machen 65 deutsche Fachwissenschaftler:innen darauf aufmerksam, dass die Energiewende nicht auf Kosten der aquatischen Biodiversität gehen dürfe (Memorandum 2021). Ausführlich beschreiben sie die negativen Auswirkungen der Kleinwasserkraft und fordern nicht nur einen Förderstopp, sondern auch eine Umwidmung der entsprechenden Gelder für den Rückbau der Anlagen.

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